Die Seele der Tiere
Gefühle sind die Sprache des Unterbewusstseins – und dieses ist nicht nur dem Menschen vorbehalten. (©Shutterstock)

Die Seele der Tiere

Sie lieben und leiden, empfinden Freude und Trauer, kümmern sich um ihre Artgenossen oder tricksen sie aus. Tiere sind uns in ihren Emotionen und Verhaltensweisen ähnlicher, als wir glauben. Der deutsche Förster Peter Wohlleben hat sich mit dem Seelenleben unserer Mitgeschöpfe näher befasst.


Ein heißer Sommertag. Um Luft ringend und unter größter Anstrengung schleppt ein Eichhörnchen sein Junges, das sich am Hals der Mutter festklammert, durch die flirrende Hitze über den Rasen, um es in den Schatten und in Sicherheit zu bringen. Nichts anderes würde jede Menschenmutter auch tun, wenn der Nachwuchs in Gefahr ist. Doch was treibt ein Eichhörnchen an, sein eigenes Leben zugunsten des Jungen zurückzustellen? Ein angeborener Reflex? Instinkt? Oder gar eine tiefe Mutterliebe? Können Tiere überhaupt Empfindungen und Gefühle haben? Kennen sie Glück und Trauer, Freude und Schmerz? Haben sie ein Bewusstsein? Diese Fragen haben Peter Wohlleben schon früh beschäftigt und in seinem Buch „Das Seelenleben der Tiere”  nimmt er uns mit auf eine Reise in die Seelenwelt der Haus- und Wildtiere.

Der Förster schöpft dabei aus einem Schatz persönlicher Beobachtungen, ohne in das Reich der Tierfabeln oder der Walt-Disney-Filme abzudriften. Vielmehr untermauert er seine Anekdoten mit neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen. „Je öfter und je genauer ich hinsah, desto mehr vermeintlich ausschließlich menschliche Emotionen entdeckte ich bei unseren Haustieren und ihren wilden Verwandten im Wald“, erklärt er. Was nicht verwunderlich sei, denn schließlich wären die genetischen Basis-Programme evolutionär für alle Arten gleich.
Und weil nicht nur Tiere, sondern auch Bäume leben, hat der Förster und Bestseller-Autor auch die „Das geheime Leben der Bäume“ entschlüsselt – und auch damit einen Bestseller samt Kinofilm gelandet.

Tiere haben Gefühle

Allen, die Tiere nur als vollautomatisch gesteuerte Bioroboter etikettieren, begegnet Wohlleben mit simpler Logik: Gefühle sind die Sprache des Unterbewusstseins – und dieses ist nicht nur dem Menschen vorbehalten. „Gewiss, es klingt vielleicht vermessen, zu sagen, dass ein Schwein so fühlt wie wir. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass eine Verletzung weniger schlimme Gefühle in ihm auslöst als in uns, tendiert gegen null“, ist der Tierfreund überzeugt.
Dass Tiere zu Liebe, Mitgefühl und sozialer Verantwortung fähig sind, daran besteht für Wohlleben kein Zweifel. Eichhörnchen kümmern sich nicht nur um den eigenen Nachwuchs, bei Bedarf adoptieren sie auch fremde Junge. Rehe wiederum sind so umsichtig, dass sie ihre Kinder in den ersten Lebenswochen allein im Gebüsch lassen, weil die Kleinen so besser geschützt sind. Die Rehgeiß kommt nur kurz vorbei, säugt die Jungen und geht dann wieder auf Nahrungssuche.

Doch sehr oft kommt die Gefahr für das Kitzlein nicht vom Marder, sondern vom Menschen. Traktoren, die das Gras abmähen, können den Tieren die Beine abschneiden. Auch sonst macht das zweibeinige Raubtier seinen Mitgeschöpfen in der Wildnis das Leben schwer. Hirsche, Rehe und Wildschweine, Gämsen, Füchse, Dachse, Hasen, Marder, Rebhühner oder Raben – sie alle leiden unter Jagdstress, sodass in Wald und Flur die Angst regiert. Dass Tiere Angst und Schmerz kennen, wird wohl keinen Tierbesitzer überraschen. Sie können die negativen Gefühle sogar bewusst verarbeiten und daraus Schritte ableiten. Der Gang zum Tierarzt wird ebenso abgespeichert wie die Bedrohung durch den Jäger.

Tierische Empathie

Schon die Leidensfähigkeit unserer tierischen Freunde berührt uns. Doch es geht noch weiter: Tiere fühlen auch den Schmerz von leidenden Artgenossen und sind zu echtem Mitgefühl fähig. So konnten kanadische Forscher nachweisen, dass Waldmäuse Schmerzen viel stärker spüren, wenn sie zuvor einen Kollegen beobachtet hatten, der ähnliche Torturen durchmachte.

Glücklicherweise umfasst die tierische Empathie auch Glücksmomente. Ja – Tiere können sich tatsächlich mit ihresgleichen mitfreuen, was sich nicht von allen Menschen behaupten lässt. So trainierten Wissenschaftler Hausschweine darin, bestimmte Emotionen mit klassischer Musik zu assoziieren. Das Spannende: Kamen neue Artgenossen hinzu, die noch nie Musik hörten, so zeigten sie die gleichen Emotionen wie die musikalische Gruppe. Freuten sich die einen, so tanzten die anderen mit.

Das Sexleben der Tiere

Auch in der tierischen Welt gibt es eine Achterbahn der Gefühle. Hasen tanzen auf den Feldern um ihre Angebetete, Kaninchen treiben mit Artgenossen Machtspielchen und Ziegendamen lassen sich vom Duft des Bocks nur allzu gerne verführen. „Sex ist für Tiere kein Automatismus, um Nachwuchs zu züchten“, so Wohlleben. Wie sonst wäre zu erklären, dass Hirsche, Pferde oder Wildkatzen auch selbst mal die Pfote anlegen, um Orgasmen zu erleben?
Nicht nur im Sexleben zählt der Spaßfaktor. Wohlleben berichtet von einer rodelnden Krähe, die auf einem Hausdach Schlitten fährt – zu ihrer eigenen Unterhaltung. Für den Förster steht außer Frage, dass Tiere auf Vergnügen und schöne Erlebnisse ebenso aus sind wie wir.

Wenn Tiere lügen

Doch wie steht es um die Moral der Tiere? Auch dazu hat der Förster Anekdoten parat. Sein Hahn Fridolin lockt die Hennen Lotta und Polly mit einem vermeintlichen Korn (das er nicht hat) manchmal in die Sexfalle. Auch die Elstermänner haben es faustdick hinter den Ohren. Ist das Weibchen in der Nähe, wird jede weibliche Elster scheinheilig vertrieben. Fühlt sich der Vogel unbeobachtet, dann ist er kein Kostverächter.
Die gefiederten Geschöpfe täuschen nicht nur ihre Artgenossen, sondern bisweilen auch den Menschen. Der Förster erzählt von einer Krähe, die listig einen Leckerbissen vor ihm versteckt, um ihn nicht mit ihm teilen zu müssen. Manchmal zieht ein Kavaliersdelikt auch in der Welt der Tiere ein Gefühl der Scham nach sich, wie Wohlleben von seiner Stute weiß, die peinlich berührt den Kopf zur Seite neigt, wenn sie sich daneben benommen hat.
Peter Wohlleben hat ein Herz für die Natur, er ist aber kein naiver Märchenerzähler und will Tiere auch nicht vermenschlichen. „Mein Wunsch ist es vielmehr, dass ein wenig mehr Respekt im Umgang mit unserer belebten Mitwelt einkehren möge“, sagt er. Liebe, Trauer, Mitgefühl oder Leidenschaft sind nicht der alleinige Königsweg des Menschen – das Seelenleben der Tiere ist dem unseren nicht so fern. „Es kommt alles aus einer Küche“, meint schließlich auch die österreichische Schriftstellerin Barbara Frischmuth.

Die Seele der Tiere
Der Buchtipp:
Das Seelenleben der Tiere – Liebe, Trauer, Mitgefühl – erstaunliche Einblicke in eine verborgene Welt
Tiere sind uns näher, als wir je gedacht hätten. Faszinierend, erhellend, bisweilen unglaublich!
Jetzt auch als Taschenbuch, 240 Seiten, ISBN: 978-3-453-28082-3
€ 19,99 [D] € 20,60 [A]
Die Seele der Tiere
Peter Wohlleben
Wohlleben, Jahrgang 1964, wollte schon als kleines Kind Naturschützer werden. Er studierte Forstwirtschaft und war über zwanzig Jahre lang Beamter der Landesforstverwaltung. Heute leitet er eine Waldakademie in der Eifel und setzt sich weltweit für die Rückkehr der Urwälder ein. Er ist Gast in zahlreichen TV-Sendungen, hält Vorträge und Seminare und ist Autor von Büchern zu Themen rund um den Wald und den Naturschutz. Mit seinen Bestsellern „Das geheime Leben der Bäume”, „Das Seelenleben der Tiere”, „Das geheime Netzwerk der Natur” und „Das geheime Band zwischen Mensch und Natur” hat er Menschen auf der ganzen Welt begeistert. Zuletzt erschien das Magazin „Wohllebens Welt”. Für seine emotionale und unkonventionelle Wissensvermittlung wurde ihm 2019 die Bayerische Naturschutzmedaille verliehen.