Alan Watts: Du bist das Universum!

Alan Watts: Du bist das Universum!

Alan Watts machte östliche Weisheitslehren im Westen populär und war der Zen-Lehrer der Hippie-Ära. Dass die betörende Stimme des britischen Religionsphilosophen heute über youtube Kanäle geistert, ist kein Zufall.


„Jedes der zwanzig Bücher, die ich veröffentlicht habe, erreicht das gleiche Ziel von verschiedenen Ausgangspunkten aus, so wie die Speichen eines Rades von verschiedenen Punkten der Felge in die Nabe münden. Von den Prämissen der christlichen Dogmatik, der Hindu-Mythologie, der buddhistischen Psychologie, der Zen-Praxis, der Psychoanalyse, des Behaviorismus oder des logischen Positivismus ausgehend, habe ich zu zeigen versucht, dass sie alle auf den einen Mittelpunkt abzielen.“ schrieb Alan Watts 1972. Der große Religionsphilosoph war ein genialer Vermittler der Essenz der großen spirituellen Traditionen. Mit seinen unkonventionellen Ansichten hat er es nicht nur zu Weltruhm gebracht; sein Verdienst war es vor allem, den Zen-Buddhismus im Westen einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen, wobei es ihm nicht um akademische Belehrungen geht, sondern Menschen zu einer Veränderung ihrer Sichtweisen zu motivieren. Bis heute ist sein Werk „Vom Geist des Zen“ ein Klassiker.

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Der Buchtipp:
Vom Geist des Zen
Alan Watts
Aus dem Amerikanischen von Julius Schwabe
A: 8,30 €
Erschienen: 19.05.2008
insel Taschenbuch, 138 Seiten
ISBN: 978-3-458-35064-4

Aufgewachsen in England, südlich von London und in einem konservativ geprägten Umfeld, war Alan Watts schon früh ein umtriebiger Geist, der sich mit Klischées und vorgefassten Meinungen nicht zufriedengeben wollte und seine eigenen Antworten auf die grundlegenden Fragen des Daseins suchte. Mit 23 Jahren wanderte er mit seiner Familie in die USA aus, wo er zuerst Zen-Buddhismus und später Theologie studierte und einige Jahre Priester der Episkopalkirche in Illinois war. Schließlich zog es den Freidenker nach Kalifornien, in die Nähe von San Francisco, dem Mekka der Gegenkultur in den 60er und 70er Jahren. Von 1970 bis 1973 wohnte er im „Mandala Haus“ in der berühmten Künstlerkolonie Druid Heights in der Nähe San Francisco. 

Der Philosoph der Hippie-Ära

Alan Watts war Autodidakt, der sich schon früh mit den Lehren diverser Gurus, den Schriften des Mystizismus und den östlichen Philosophien, vor allem Zen und Taoismus beschäftigte. Und er war genauer Beobachter seiner Zeitgenossen und Analytiker der westlichen Kultur. Er hielt Vorlesungen an renommierten Universitäten, sprach in Vortragssälen auf der ganzen Welt und moderierte im Radio. Er war der Richard David Precht der 60er Jahre, allerdings experimentierte er im Gegensatz zum deutschen Philosophen auch mit psychedelischen Drogen und schrieb Abhandlungen über Mescalin. 

Alan Watts: Du bist das Universum!
Der Buchtipp:
Der Lauf des Wassers
Alan Watts
Taschenbuch, Knaur MensSana TB
Erschienen am 01.06.2011, 224 Seiten
A: 9,99 €
ISBN: 978-3-426-87547-6

Mit seinem Charisma, seiner beeindruckenden Stimme und der Poesie seiner Texte erreicht uns der Grenzgänger zwischen den Kulturen auch heute noch. Mehr noch: In den letzten Jahren entwickelte sich geradezu  ein Hype um den Philosophen der Hippie-Ära, wie zahlreiche Beiträge auf Youtube zeigen.  Wer sich mit Alan Watts näher beschäftigt, wird erstaunt sein, wie aktuell seine Botschaften heute sind. In „Der Lauf des Wassers“ erklärt Watts, wie wir das, was wir verloren haben, wieder integrieren können: „Die Moderne betrachtet das Universum als etwas vom Selbst Getrenntes und Unterschiedliches – das heißt als ein System äußerer Objekte“. Taoisten hingegen würden die Welt als identisch oder untrennbar von ihrem Selbst betrachten. „Das heißt also, dass Technologie nur in den Händen von Menschen destruktiv wird, die nicht erkennen, dass sie demselben Prozess angehören wie das Universum“, schreibt er. Die Einheit allen Seins und die Rückbindung an das kosmische Ganze sind die zentralen Themen von Alan Watts. So lange wir uns über unser Ego definieren und uns von der Schöpfung getrennt sehen, verleugnen wir unsere wahre Natur. Diese Illusion führt laut Watts dazu, dass unsere Einstellung gegenüber der Welt „außerhalb“ von uns größtenteils feindselig gefärbt ist. Wir sind immer dabei, die Natur, das Weltall, die Berge zu „erobern“ und die Bakterien und die Insekten zu „bekämpfen“, statt zu lernen, mit ihnen in Harmonie zusammenzuleben. Der Weg aus dem Dilemma führt nur über die Erkenntnis, dass wir in einem holografischen Universum leben, indem alles mit jedem verbunden ist. Mit seiner Botschaft „Du bist das Universum“ schließt Watts an alte Weisheitslehren an und schlägt eine Brücke zur Quantenphysik. „Eine unsentimentale Mystik, die den Dingen dieser Welt mit hellwachen Augen und der Liebe begegnet, die noch im Unscheinbarsten den gleichen göttlichen Urgrund sieht und das erkennende Ich nicht wichtiger nimmt als die Vielfalt der Erscheinungen – das wurde im Laufe der Jahre das Credo von Alan Watts“, schreibt Susanne Schau im Vorwort zu Alan Watts Buch „Zeit zu leben“. Und deswegen ist es gut, wenn Alan Watts Geist uns über youtube daran erinnert, unsere Sicht der Realität zu hinterfragen und unser Ego sowie unsere Ängste und Machtimpulse hinter uns zu lassen.

Alan Watts: Du bist das Universum!
Alan Watts 1915 – 1973
Der gebürtige Engländer wuchs in einer christlich geprägten Familie in der Nähe von London auf, interessierte sich aber schon früh für östliche Philosophien. Mit 23 Jahren wanderte Alan Watts in die USA aus, wo er erst anglikanischer Priester war und dann zu einem der anerkanntesten Lehrer des Zen-Buddhismus und Taoismus wurde. Er schrieb 25 Bücher.