Clemens Arvay genißet die Natur
Clemens Arvay genißet die Natur (©Johannes Kernmayer)

Heilung aus dem Wald

Gesundheit kommt aus der Natur. Dass der Aufenthalt im Wald unser Immunsystem stärkt und Stress reduziert, ist wissenschaftlich belegt. Ein Interview mit dem Biologen Clemens Arvay.


Sage mir, wie oft du im Wald spazieren gehst, und ich sage dir, wie gesund und glücklich du bist. Klingt ein wenig nach der Naturphilosophie des US-Schriftstellers Henry David Thoreau, ist aber das Fazit neuester wissenschaftlicher Studien, die der österreichische Biologe Clemens G. Arvay durchforstet hat. „Der Aufenthalt im Wald und im Garten hat nachweislich medizinische Wirkung. Das haben viele Untersuchungen in den letzten 20 Jahren gezeigt“, erklärt er. In seinem Buch „Der Biophilia Effekt“ beruft er sich nicht nur auf neueste Forschungen und erklärt, wie und warum Pflanzen unser Immunsystem stärken, sondern gibt auch praktische Tipps, wie wir diese Erkenntnisse im Alltag für uns nutzen können.

Die Erkenntnis, dass die Natur starke Heilkräfte birgt, ist ja nicht neu. Schon Hippokrates, Paracelsus und Hildegard von Bingen beriefen sich auf die „grüne Kraft“. Sie wussten intuitiv um die heilende Verbindung zwischen Natur und Mensch, die heute von der Wissenschaft bestätigt wird. „Einer dieser Effekte hat mit der Kommunikation von Pflanzen zu tun“, so der Biologe. 

Botschaft der Pflanzen

Doch wie kommt dieses „Blattgeflüster“ in der Natur zustande? Blumen, Gräser, Kräuter, Pilze, Bäume oder Farne senden biochemische Signale aus, um Botschaften auszutauschen oder die Artgenossen vor Fressfeinden zu warnen. Rund 2000 Duftstoffe sind mittlerweile bekannt, die die verschiedenen Gewächse für ihre Kommunikation einsetzen. Auch mit uns verständigen sich Pflanzen über chemische Substanzen und zwar hauptsächlich mittels sogenannter Terpene. 

Diese sekundären Pflanzenstoffe erfüllen in der Natur zig Aufgaben. Für unsere Gesundheit sind sie deshalb von so großer Bedeutung, weil sie mit unserem Immunsystem kommunizieren. Die pflanzlichen Moleküle stärken die natürlichen Killerzellen in unserem Körper – manche Terpene können nachweislich sogar Krebszellen attackieren oder bereits vorhandene Tumore bekämpfen. 

Stärkung des Immunsystems durch den Wald

Besonders hoch ist die Konzentration der Terpene im Wald, wie japanische Wissenschaftler herausfanden. Sie konnten sogar nachweisen, dass in bewaldeten Gebieten weniger Menschen an Krebs sterben als in Regionen ohne Wald. Wie gesund der Aufenthalt unter Bäumen ist, konnten die Forscher im Labor messen:  Schon nach einem Tag im Wald steigt die Zahl der Abwehrzellen im Blut um fast 40 Prozent. Nach zwei Tagen sogar um mehr als 50 Prozent. Der Effekt auf das Immunsystem hält für sieben bis 30 Tage an. „Schon zehn Minuten Aufenthalt im Wald haben gesundheitsfördernde Wirkung“, bestätigt Daniela Haluza vom Institut für Umwelthygiene der MedUni Wien. 

Die Luft im Wald: Heiltrunk zum Einatmen

Doch der Wald kann noch mehr. Regelmäßige Aufenthalte im Grünen verbessern die Schlafqualität und tragen zur Harmonisierung des zentralen Nervensystems bei. Dieses steuert alle lebensnotwendigen, unwillkürlich ablaufenden Körperfunktionen und ermöglicht die schnelle Anpassung des Körpers an wechselnde Herausforderungen, was weniger stressanfällig macht. „Dadurch werden wiederum Puls, Blutdruck und Muskelspannung gesenkt, vom Stresshormon Kortisol wird weniger, von den Stimmungshormonen Serotonin und Dopamin aber mehr ausgeschüttet“, erklärt die Umweltmedizinerin.  Biologe Arvay fasst die wissenschaftlichen Erkenntnisse in fast poetischer Weise zusammen:  „Waldluft ist wie ein Heiltrunk zum Einatmen.“ Schöner kann man es nicht sagen.

Österreichisches Bad im Wald

Die Chance auf einen grünen Cocktail ist bei uns recht groß: Österreich zählt zu den waldreichen Ländern Europas, und im Gegensatz zur globalen Entwicklung nimmt die Waldfläche in Österreich sogar zu: 47,6 Prozent des Bundesgebiets sind bewaldet, das sind rund vier Millionen Hektar. Da ist es doch naheliegend, Körper und Seele öfters ein Waldbad zu gönnen. Ob man sich nun durch das Dickicht der Nadelbäume arbeitet oder einen lichten Laubwald aufsucht: Die Pflanzenstoffe wirken überall.

Zum Abbau von Stress sind vor allem Grünzonen geeignet, die an die Savanne erinnern. Von Gras bewachsene Flächen mit Büschen und einzelnen Bäumen wirken besonders entspannend. Eine Streuobstwiese kann mitunter der bessere Psychotherapeut sein. 

Ich bin dann mal weg

Manche gehen auf Pilgerreise, um bei sich anzukommen. Doch die Glückserfahrung ist nicht nur in Santiago de Compostela zu haben. Das „Ich bin dann mal weg“ geht auch im nächsten Wald oder Park. Solche Auszeiten in der Natur sind laut Clemens Arvay wichtig für die psychische  Gesundheit. Man bekommt Abstand zum Alltag, viele Probleme relativieren sich oder verschwinden sogar. Das Gehirn schaltet in einen anderen Modus und die Seele bekommt Raum.

Um sich den Heiltrank aus der Natur abzuholen, muss man nichts tun. Für alle, die doch ein Rezept brauchen, haben die Waldforscher konkrete Tipps. Zur Stärkung des Immunsystems sollte man sich mindestens zwei Stunden im Wald aufhalten und dabei etwa 2,5 km gehen. Und das am besten an drei Tagen hintereinander. So tankt der Körper Terpene, welche die Killerzellen und Anti-Krebs-Proteine im Körper stärken. Die meisten Pflanzenschutzstoffe bekommt man übrigens mitten im schattigen Wald mit dichtem Baumbestand. Tiefe Atemzüge in offener Körperhaltung verstärken die Aufnahme der gesundheitsfördernden Stoffe. 

Der Herbst bietet sich für ein Waldbad geradezu an. Denn bei Nebel und feuchtem Wetter schwirren besonders viele Terpene durch die Luft.

Clemens G. Arvay, Bio
Der Biologe Clemens G. Arvay (© Johannes Kernmayr)

„Pflanzen reagieren auf ­Terpene mit einer Steigerung ihrer ­Abwehrkräfte. Wir auch.“  

Clemens G. Arvay

Interview mit Clemens G. Arvay

Was bedeutet eigentlich Biophilia oder Biophilia-Effekt?

Clemens Arvay: Der Begriff stammt von Erich Fromm und meint Liebe zur Natur. Aber auch andere Wissenschaftler haben erkannt, dass die Verbindung zur Natur ein Grundbedürfnis des Menschen ist. Das ist die Voraussetzung für das Überleben. Als Biologe interessiere ich mich natürlich dafür, welche Wirkung die Natur auf uns ausübt

Was sagt da die Forschung?

Clemens Arvay: Die Natur hat verschiedene gesundheitliche Effekte. Einer dieser Effekte hat mit der Kommunikation der Pflanzen zu tun. Das ist seit Jahren bekannt. Die Pflanzen kommunizieren mittels biochemischer Substanzen oder Moleküle untereinander. Bäume tauschen Botschaften aus. Das ist wissenschaftlich untersucht. Eine Gruppe dieser biochemischen Substanzen sind die sogenannten Terpene. Das sind sekundäre Pflanzenstoffe, die eine immunstärkende Wirkung haben.

Wie kann man sich das ­vorstellen?

Clemens Arvay: Mit bestimmten Terpenen können sich Bäume und Pflanzen gegen Schädlinge wehren. Diese Stoffe kommunizieren auch mit unserem Immunsystem und senden die Botschaft: Mehr Killerzellen produzieren. Oder fahrt mehr Anti-Krebs-Geschütze aus. Unser Immunsystem ist sehr kommunikationsfreudig und nimmt Botschaften von außen rasch auf. Wenn wir einen Wald mit Terpenen betreten, geht diese Kommunikation sofort los. Man kann das ja ganz einfach messen: Nach einem Aufenthalt im Wald steigt im Blut die Zahl der Abwehrzellen. Pflanzen reagieren auf Terpene mit einer Steigerung von Abwehrzellen. Unser Körper tut das auch. Die Studien zeigen sogar, dass es in bewaldeten Gebieten weniger Krebsfälle gibt.

Was, wenn man keinen Wald in der unmittelbaren Nähe hat?

Clemens Arvay: Auch einzelne Pflanzen, Parks oder Gärten haben eine gesundheitsfördernde Wirkung. Man hat untersucht, dass schon der Ausblick auf einen Baum kranke Menschen schneller gesunden lässt. 

Die Natur als Heiler?

Clemens Arvay: Man weiß heute, dass Menschen, die viel im Wald oder im Garten sind, weniger Antidepressiva,  Bluthochdruck- oder Schmerzmittel brauchen. Außerdem sinken die Stresshormone im Blut ab. Gleichzeitig wird mehr DHEA gebildet, das vor Herzinfarkt schützt. Vielleicht kommt einmal die Zeit, in der die Waldtherapie verordnet wird. 

Kann man mithilfe der Natur Burn-out vorbeugen?

Clemens Arvay: Ja, die Natur hat medizinische und auch psychologische Wirkung. Man weiß, dass ein Aufenthalt im Wald den Parasympathikus aktiviert. Das ist der Nerv der Ruhe.  Uns wird täglich viel abverlangt, unsere Aufmerksamkeit ist ständig auf etwas ausgerichtet – das kostet viel Energie. In der Natur kann man abschalten und bekommt ganz andere Eindrücke. Dann kann sich das Gehirn erholen. 

Wie macht man sich den Biophilia-Effekt zunutze?

Clemens Arvay: Ich empfehle, einmal in der Woche oder einmal im Monat in den Wald zu gehen und dabei Atemübungen zu machen. Suchen Sie sich einen Platz, wo Sie nicht gesehen werden, aber den Überblick haben. Das gibt Sicherheit. Entspannen Sie und beobachten Sie die Natur.

Clemens Arvay - Heilung aus dem Wald
Der Buchtipp:
Der Biophilia Effekt – Heilung aus dem Wald
Der Wald tut uns gut, das spüren wir intuitiv. Doch was bisher mehr ein Gefühl war, belegt jetzt die Wissenschaft.Der Anblick unterschiedlicher Landschaf­ten trägt zur Heilung unterschiedlicher Krankheiten bei. Clemens G. Arvay zeigt diesen „Biophilia-Effekt“ nicht nur, er sagt auch, wie wir ihn mit Übungen besonders gut für uns nützen können. Im Wald, oder auch im eigenen Garten.

Edition a, 256 Seiten, €12,00 (D), €12,40 (A)