Nicht wenige Menschen hegen Angst vor bestimmten Situationen. Obwohl eine Angstreaktion unterschiedliche Ursachen haben kann, besitzen die unterschiedlichen Ängste eine Gemeinsamkeit: Sie alle haben ihren Ursprung in der Amygdala, eine Region des limbisches Systems, die als Angstzentrum gilt.
Nicht wenige Menschen hegen Angst vor bestimmten Situationen. Obwohl eine Angstreaktion unterschiedliche Ursachen haben kann, besitzen die unterschiedlichen Ängste eine Gemeinsamkeit: Sie alle haben ihren Ursprung in der Amygdala, eine Region des limbisches Systems, die als Angstzentrum gilt. (© shutterstock)

Die Angst sitzt im Gehirn

Größere und kleinere Ängste sind überlebenswichtig. Doch in diesem Jahr scheint die kollektive Furcht vor einem Virus die Oberhand zu gewinnen. Von Panik beherrscht zu werden, schränkt die Lebensqualität massiv ein – deswegen müssen wir jetzt unser Angstzentrum umprogrammieren.


Es ist nur ein winzig kleiner Bereich des menschlichen Gehirns, der die entscheidende Rolle bei der Erkennung und Wiedererkennung von Gefahren spielt – und den damit verbundenen Emotionen. Die Amygdala (lat. Corpus amygdaloideum), wegen ihrer Größe auch Mandelkern genannt, befindet sich unmittelbar vor dem Hippocampus, ist paarig angeordnet und dem Limbischen System zugeordnet. Wir wissen heute, dass dieser früh entwickelte Bereich des Gehirns uns mit seinen Urinstinkten das Überleben sicherte.

Welche Prozesse im Gehirn die Angst auslösen

Die Amygdala besteht aus mehreren Unterkernen, kann jedoch grob in zwei größere funktionelle Bereiche eingeteilt werden: Ein Teilbereich steht über den Riechkolben in der Nase direkt mit dem olfaktorischen System in Verbindung. Das erklärt, weshalb Düfte und Gerüche oft unbewusste Reaktionen in uns hervorrufen können. Der corticomediale Teilbereich sendet Nervenimpulse in den Hypothalamus und beeinflusst damit die Freisetzung von Stresshormonen als auch das vegetative Nervensystem. Vom Hypothalamus  wiederum werden Signale an die Amygdala zurück gesendet. Diese Verbindung lässt uns zusammenzucken, wenn wir plötzlich eine Spinne sehen und uns erschrecken.

Somit ist der Mandelkern die zentrale Verarbeitungsstation im Gehirn. Er wird als diejenige Hirnstruktur erachtet, die für die Emotionalisierung von Informationen sorgt. Nur Menschen, deren Amygdala beispielsweise durch eine hirnorganische Erkrankung zerstört ist, empfinden keine Furcht mehr. Andererseits konnte festgestellt werden, dass der Mandelkern bei Menschen mit Angstproblematiken oder Depressionen überaktiv ist und zu viele Impulse freisetzt.

Emotionaler Datenspeicher des Menschen

Wiedererkennung impliziert Speicherung – auch diese Aufgabe führt die Amygdala lückenlos aus. So werden alle Erlebnisse, auch frühere traumatische Erlebnisse hier gespeichert und in Bruchteilen von Sekunden jede Situation mit bereits vorhandenen Erlebnissen abgeglichen.

Dabei aber unterscheidet das das Gehirn nicht, ob es um eine Situation von früher oder heute handelt. Der Mandelkern reagiert mit einer erhöhten Ausschüttung  von Stresshormonen wie Adrenalin und Noradrenalin und den damit verbundenen Zuständen wie Fluchtimpuls, Panik, Wut, Aggression, Resignation oder Trauer, auch wenn keine akute Gefahr besteht.  Körperliche Symtome wie Herzrasen, Schwindel oder Übelkeit kommen in Folge hinzu.

Den Mandelkern im Gehirn mit Therapie „umschulen”

Ausgehend von diesem Erinnerungsvermögen unseres Gehirns und seinen automatisierten Abläufen rückt der Mandelkern bei der Behandlung von Ängsten und Depressionen zunehmend ins Blickfeld. Es gibt bereits neue therapeutische Ansätze, die Betroffene befähigen, eine Angst- oder Panikreaktion als „nicht aktuell“ zu werten und damit die Angst nicht mehr an sich heranzulassen.

Entscheidend in diesem Zusammenhang ist die Vernetzung im Gesamthirn. Das rationale Denken ist im Großhirn verankert, das intuitive Erfassen im Mandelkern. Die Meldungen von der Amygdala zum Großhirn sind um ein Vielfaches schneller als andersherum. Erst wenn es dem rationalen Denken gelingt, die Situation zu relativieren und damit zu entschärfen, kommt diese Botschaft auch beim Mandelkern an. Dieser beenet daraufhin die Ausschüttung von Stresshormonen.

Der Neurowissenschaftler Bruce McEwan führte 2008 an der Rockefeller University in New York eine Studie durch, die in Bezug auf die Amygdala neue Erkenntnisse brachte. Er fand heraus, dass chronischer Stress den Mandelkern in seiner Funktion schädigt und es in Folge dessen zu ständiger Überängstlichkeit kommen kann. Bei starker Stressbelastung kann es passieren, dass die Amygdala überaktiv wird. Deswegen setzen Therapeuten bei Ängsten und Phobien  auf Entspannungstechniken und Autosuggestion.

Der Mandelkern ist lernfähig

Der Mandelkern reagiert nicht nur auf Stress-Situationen, sondern auch auf positiv erlebte Situationen oder Orte und speichert diese Informationen verlässlich ab. Das kann man sich bei der Behandlung von Angst und Panik und in der Hypnotherapie zunutze machen. Allein die Erinnerung an einen Ort oder eine Situation des Wohlfühlens hat eine positive Wirkung auf den Mandelkern. Diesen Ansatz greifen Therapien auf, in dessen Verlauf systematisch stress- und angsteinflößende Situationen neu positiv belegt werden. Sie helfen bei Phobien vor Spinnen, vor Flug- oder Höhenangst oder Klaustrophobie. Zur Übung: Augen schließen und an eine schöne Situation oder schönen Ort denken. Nun stellt man sich vor, wie man dieses Bild in den Mandelkern setzen.

Yoga und Meditation gegen die Angst

Auch regelmäßige Meditation und Yoga haben nachweislich einen positiven Einfluss auf den Mandelkern.. Durch Kernspinaufnahmen vor und nach Meditationen konnten Veränderungen an den entsprechenden Hirnstrukturen nachgewiesen werden. Entsprechende Übungen und Techniken kann man in Kursen erlernen oder sich selbst aneignen: Es gibt zahlreiche Bücher, CDs und DVDs zu Entspannung, Stressreduktion und Lösung von irrationalen Ängsten.

Wie der Mandelkern zur Ruhe kommt

  • Bewegung Moderate, regelmäßige Bewegung hilft Stress- und Angstpatienten, auch wenn es simpel klingt. Es konnte der Nachweis erbracht werden, dass es dadurch nicht nur zu einer erhöhten Neubildung von Nervenzellen kommt, sondern sich ungünstige Schaltkreise auch langsam umbilden können.
  • Aromatherapie Die Düfte erreichen das limbische System ohne Umweg und so ist mit hochwertigen ätherischen Ölen ein wunderbarer Heilansatz zu finden. Geben Sie ein paar Tropfen in eine Duftlampe oder beduften Sie Räume mit einem Zerstäuber. Unter all den ätherischen Ölen ist der echte Jasmin besonders empfehlenswert, dem eine direkte, angstlösende Wirkung, ähnlich dem chemischen Wirkstoff Diazepam, zugeschrieben wird.
  • Homöopathie Gute Erfolge bei allen Formen von Angststörungen zeigt auch die Homöopathie. Ein Stresslöser ist etwa das Mittel Nux vomica D30. Bei angstbedingten Schlafstörungen wird häufig Avena sativa D30 empfohlen, da es eine besondere Wirkung auf das Gehirn und das Nervensystem hat. Daneben gibt es homöopathische Komplexmittel in der Apotheke.